carolyn fernengel

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der Geldscheißer

Romane
 
 
 


 

 

                                 […]
„Und jetzt höre mir zu. Okay? Einfach nur zuhören. Ich
werde dir jetzt eine Geschichte erzählen.“ Er ließ sie
los. Sie setzten sich auf eine Parkbank und Josh fing an
zu erzählen.

                            V. Kapitel

„Also, es war vor vielen Jahren, so erzählte man sich, in
einem kleinen Bauerndorf in Transsylvanien, dass ein
Bauer hungrig und traurig auf sein kleines Feld hinausging.
Er wollte sich an der dicken, starken Eiche, die
neben seinem kleinen Feld stand, erhängen.
Der Bauer hatte die dritte Missernte in diesem Jahr
hinter sich. Er hatte eine Frau und fünf Kinder. Er war
am Ende seiner Kräfte. Das letzte Brot hatten sie alle
am Vorabend aufgegessen. Die Speisekammer war leer,
in der ganzen Hütte gab es nichts mehr zu Essen und
Geld hatten sie auch keines mehr. Alles war leer und der
arme, hungrige Bauer sah im Sterben seinen letzten
Ausweg. Er wusste, dass es nicht fein war, seine Frau
und die Kinder zurückzulassen. Aber er wollte so nicht
mehr weiterleben. Und er fand, dass dieser Freitag ein
guter Tag zum Sterben sei.“
„Wieso gerade ein Freitag?“ fragte Sandra dazwischen.
„Ich habe gesagt zuhören! Nicht Fragen stellen, einverstanden?
Josh schaute sie für eine Sekunde wirklich
böse an.
Sandra verstummte nach diesem Blick sofort.
„Der Bauer nahm sich den Strick, den er mit aufs Feld
genommen hatte und warf ihn über den dicken Ast der
Eiche. Dann stellte er sich unter diesen Ast und begann
die Schlinge zu knoten, mit der er sich erhängen wollte.
Als er unter den Ast trat, hörte er jemanden schreien. Es
war ein kleiner Troll, der sich in der Wurzel der Eiche
verklemmt hatte. Er hing dort schon zwei Tage fest und
hatte kaum noch Kraft, um nach Hilfe zu rufen. Weil
aber der Bauer aus Versehen auf den kleinen Troll
getreten war, rief dieser mit allerletzter Kraft um Hilfe.
Weil er so viel gerufen hatte und so eingeklemmt war,
war er sichtbar geworden und der Bauer sah ihn ganz
deutlich zwischen den Wurzelschlingen feststecken. Der
Bauer war ein gutmütiger Mensch, der keinem wehtun
konnte, vergaß in dem Augenblick, dass er sich aufhängen
wollte und half dem Troll aus dem Wurzelwerk
der großen Eiche. Als er ihn befreit hatte, fragte ihn der
Troll, was er an der Eiche gewollt hatte. Der Bauer
sagte ihm, dass er sich erhängen wollte, weil er nichts
mehr zu Essen hatte und dass es ihm um seine Frau und
die fünf Kinder sehr Leid tat. Aber auch sie würden in
den nächsten Tagen vor Hunger sterben. Der Troll hatte
Mitleid mit dem Bauer und wollte sich bei ihm für seine
Hilfe bedanken. Also sagte er zum Bauern. „Ich schenke
dir einen Geldsegen, mit dem du aber nur Gutes tun
darfst. Sobald du dich damit auf die faule Haut legst,
selbstsüchtig oder geizig wirst, ist es mit dem
Geldsegen vorbei. Außerdem wirst du noch einen
Jungen bekommen, der den Geldsegen fortführt, wenn
du nicht mehr lebst. Zum Zeichen, dass dein Junge den
Geldsegen erhalten wird, wirst du am Tag seiner Geburt
einen Goldtaler am Fuße der Wiege vorfinden. Wenn du
den Geldsegen missbrauchst hast, wirst du bei der
Geburt keinen Goldtaler vorfinden. Aber.....“ sagte der
Troll. „......bei dir, Bauer, mache ich mir keine Sorgen.
Und nun lauf nach Hause und sorge dich um deine
Familie. Sie haben dich schon vermisst.“
Der Bauer wollte schon gehen, da hielt ihn der Troll an
seinem Rock fest und flüsterte ihm zu.
„Und weil heute Freitag ist, wird zur Erinnerung an
deine Hilfe der Geldsegen freitags immer besonders
groß sein. Und nun geh! Aber hüte dich, davon jedem
zu erzählen! Die Menschen sind oft böse und neiden
einander sehr.“
Der Bauer freute sich über das, was der kleine Troll gesagt
hatte, verstand aber nichts davon. Ziemlich durcheinander
kam er bei seiner Familie wieder an. Alle
saßen traurig und hungrig um den großen Holztisch, der
mitten in der Stube stand.
„Ich habe einen Troll getroffen.“ meinte der Bauer, in
die traurige Stille hinein. Noch nicht mal seine Kinder
sagten darauf etwas. Alle waren schon so hungrig, dass
sie nicht mehr die Kraft hatten zu sprechen.
Dann drückte es dem Bauer im Bauch. Es drückte und
rumorte ganz fürchterlich.
„Ich geh dann mal hinters Haus.“ meinte er nur kurz
und eilte schnell hinaus zum Donnerbalken. Damals
hatten die Leute noch nicht so fortschrittliche Toiletten.
Was dann genau passierte, weiß man nicht. Auf jeden
Fall kam der Bauer mit Goldstücken vom Donnerbalken
zurück. Wieder in der Stube zeigte er das Geld
seiner Frau und den Kindern. Sie freuten sich alle sehr.
Weil er der Kräftigste war, ging er rasch in die Stadt
zum Einkaufen. Er kaufte so viel er tragen konnte auf
dem Markt. Dann gab es für die Familie des Bauern ein
großes Festmahl.“
„Ein Märchen. Oh, wie schön. Und was hat das jetzt mit
dir zu tun?“ fragte Sandra dazwischen, als Josh diese
kleine Pause machte.
„Es geht noch weiter. Höre einfach zu.“ Sandra nickte
zustimmend. So langweilig war es ja nun auch wieder
nicht, was ihr Josh da erzählte. Nur irgendwie begriff
sie die Zusammenhänge noch nicht. […]

„Der Bauer hatte noch ganz viele Geldstücke vom
Donnerbalken zurückgebracht. Aber freitags immer
besonders viele. Und tatsächlich hat er später noch
einmal einen Sohn bekommen. Bei der Geburt lag ein
ganz besonders großer Goldtaler am Fuße der Wiege.
So, wie es der Troll versprochen hatte. Die Gabe wurde
von Generation zu Generation weitergegeben. Alle
hielten sich an die Vorgaben des Trolls, das Geld nicht
zu verplempern, damit nicht zu geizen oder es nur für
sich zu benutzen und so lag bei jeder Geburt jedes
erstgeborenen Sohnes ein besonders großer Goldtaler
am Fuße der jeweiligen Kinderwiege. Wegen dieser
Gabe wurden alle Kinder zu Hause geboren. Wie hätte
die Familie das Geheimnis bewahren sollen, wenn die
Geldscheißerkinder in einem Krankenhaus zur Welt gebracht
worden wären? Und was glaubst du, wie hätte
das Krankenhauspersonal reagiert, wenn mitten im
Kreißsaal am Fußende des Tisches auf einmal ein Goldtaler
gelegen hätte? Aus purem Gold. Verstehst du jetzt,
Sandra?“
„Oh, mein Gott! Das ist ja Wahnsinn!“ Sandra war
plötzlich ganz aufgeregt.
„Aber – aber wenn du doch so reich bist, warum lebst
du dann auf der Straße, als Penner? Warum bist du nicht
zu Hause bei deiner Familie?“ Erschrocken schaute sie
Josh an.
„Oder haben die dich vielleicht rausgeworfen?“ Sandra
redete furchtbar schnell und hektisch auf ihn ein. Sie
fand das alles so unglaublich. Vielleicht erzählte er auch
nur völligen Blödsinn, um sie zu beeindrucken? Oder
um sich wichtig zu machen? Josh schwieg, je länger
Sandra ihn bedrängte. Dann stand er auf und ging ein
paar Schritte. Er begann vor der Parkbank hin und her
zu laufen.
„Weißt du Sandra? – nein, ich versuche es anders.
Kannst du dir vorstellen, dass reich zu sein auch eine
Last sein kann? Eine ganz schwere Last, die wie ein
festgeklebter Sandsack Tag und Nacht auf deinem
Rücken liegt. Die dich erdrückt und dir keine Luft zum
Atmen lässt.“ Sandra saß auf dieser Parkbank und
schaute verständnisvoll.
„Ich glaube, ich kann das verstehen. Das ist wie mit
meiner Arbeit.“ meinte sie mitfühlend.
„Ja, genau, ein guter Vergleich. Du liebst auch deine
Freiheit und möchtest nur das tun, was dir Spaß macht.
Es geht aber nicht, weil du arbeiten musst, um Geld zu
verdienen, um davon dein Leben zu finanzieren. Ich
hatte genügend Geld, durfte damit aber nicht verschwenderisch
umgehen, es aber auch nicht horten und
ich hatte die Verpflichtung Gutes zu tun. Der Reichtum
war mit Auflagen verbunden. Und diese Auflagen haben
mich so eingeklemmt, wie dich deine Arbeit.“
„Lag bei deiner Geburt auch so ein Goldtaler vor deiner
Wiege?“ lenkte Sandra das Thema ein wenig um. Josh
sagte nichts. Er nickte kurz mit dem Kopf.
„Was ist mit dem Goldtaler passiert? Und war das wirklich
ein Taler, so aus purem Gold, wie du erzählt
hattest? Ich meine, das gibt es doch eigentlich nicht?“
Sandra war immer noch nicht so recht überzeugt von
Joshs Geschichte.
„Also, bei meiner Geburt lag auch wie bei all den
anderen erstgeborenen Söhnen ein Goldtaler auf dem
Fußboden vor meinem Bettchen. Ja, er war aus purem
Gold. Und es war ein Taler, so wie man ihn vor fünfhundert
Jahren benutzt hatte...“ Josh holte gerade Luft,
um weiter von dem Geburtstaler zu sprechen, als er
innehielt.
„Was ist?“ Sandra schaute zu Josh, der den Parkweg
entlang sah. Dann drehte er den Kopf auf die Seite, als
ob er etwas hören würde.
„Was ist denn?“ fragte Sandra noch einmal.
„Da war jemand. Im Gebüsch. Da war jemand im Gebüsch,
hier hinter der Parkbank und hat uns belauscht.“
„Was?“ Sandra schaute suchend um sich. Sie sah
niemanden.
„Ich glaube, du siehst Gespenster. Du hast ja nur einen
Grund gesucht, um nicht weiter erzählen zu müssen,
stimmts?“
„Quatsch. Wenn ich es dir sage, dann stimmt das auch.
Da war jemand. Ganz sicher.“ Josh hatte keine Lust
mehr von seiner Familie zu sprechen, vor allem nicht,
wenn ihn dabei jemand Unbekanntes belauschte.
„Komm, wir gehen.“ entschied er lautstark und zog
Sandra von der Parkbank. Stumm liefen sie nebeneinander
her. Sandra vermied es Josh zu berühren. Sie
hatte sich in ihn verliebt, das wusste sie. Aber ob er
auch so empfinden würde, wusste sie nicht. Deshalb
wollte sie lieber leiden, als es ihm zu gestehen. Sie hatte
schon genügend schlechte Erfahrungen gesammelt. Entweder,
er würde sich bald in irgendeiner Weise ihr zu
erkennen geben, dass er sie auch mochte, oder es würde
sich nichts ergeben. Und bis dahin wollte sie einfach
abwarten. Obwohl ihr das schon jetzt sehr schwer fiel.
Er lief so dicht neben ihr. Es wäre ein leichtes gewesen,
eine scheinbar zufällige Berührung zu arrangieren. Und
diese Geschichte. Sie war nett gewesen, aber sicherlich
frei erfunden. Er war ein Penner. Daran änderte auch
nichts die Tatsache, dass er das Wochenende bei ihr
verbracht hatte. Wer weiß, wie lange er schon auf der
Straße lebte? Da hatte man viel Zeit, sich solche
Geschichten auszudenken. Er wäre Josh Grey! So ein
Blödsinn! Das hatte er sich bestimmt ausgedacht. Einen
Ausweis hatte er ja nicht bei sich. Also konnte er ihr in
Ruhe etwas vormachen. Sie könnte ihm nicht einmal
das Gegenteil beweisen. Dass die Familie Grey reich
war, wusste jeder. Das war so bekannt, wie die Tatsache,
dass es in England die Queen gab. Jetzt tat es ihr
leid, dass Illustrierte und die billigen Zeitungsblättchen
nicht zu ihrem Lesestoff gehörten. Leute, die so etwas
lesen, wissen immer ganz genau über die Reichen und
Schönen Bescheid. Genau diese Lektüre hatte sie immer
gern überblättert oder ausgelassen. Das rächte sich nun.
Sie kannte aber auch keinen, den sie fragen konnte.
Sandra biss sich kurz auf die Lippe. Das war echt
schade, dass sie Joshs Erzählungen nicht überprüfen
konnte. Und dann die Sache mit dem geheimnisvollen
Lauscher. So ein ausgemachter Blödsinn. Er litt wohl
schon an leichten Wahnvorstellungen.
[…]

 
 
 
 
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