carolyn fernengel

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der Todseher

Romane
 
 



 

                                   […]
Es war dunkel um mich herum und es
herrschte absolute Stille. Ich wusste nicht, wo
ich war und warum alles so war, wie es war.
Tot war ich definitiv nicht. Das war aber auch
alles, was ich in diesem Moment sicher
wusste. Die Stille ebbte ab und ich hörte
Vogelgezwitscher. Ich bemerkte einen
stechenden Schmerz in der Gegend meines
Brustkorbs. Langsam fühlte ich mich. Mein
Körper schien wie beim Auftauen von rohem
Fleisch sein Blut wieder überall zu verteilen.
Ich spürte meine Arme, meine Beine und den
Schmerz. Ich war nun bei vollem Bewusstsein.
Es hatte einen Autounfall gegeben. Ich
erinnerte mich wieder.
     
                                   ***

Zwanzig Tage vorher. Mein elektronischer
Terminkalender erinnerte mich an das Treffen
mit meinem künftigen neuen Mandanten, dem
Bestattungshaus Coffin. Herr Frederik Coffin,
der Inhaber, hatte mich eine Woche zuvor
angerufen und wollte mich als seinen neuen
Steuerberater verpflichten. Es war sehr
wichtig und eilig für ihn, weil sich das
Finanzamt mit einer Betriebsprüfung bei ihm
angemeldet hatte. Die Prüfung an sich schien
nicht das Problem zu sein. Sondern, dass er
Geld im Tresor liegen hatte, dessen Herkunft
er dem Finanzamt lieber verschweigen wollte.
Neugierig auf diesen neuen Mandanten ließ
ich mich auf das Treffen ein und machte mich
rechtzeitig auf den Weg von Köln in Richtung
Eifel. Auf dem großen Parkplatz vor dem
Bestattungshaus quetschte ich mein Auto
zwischen die beiden Leichenwagen. Sonst
waren alle Plätze belegt.
Bei dem scheint das Geschäft ja gut zu laufen,
so wie hier alles voller Autos steht, ging mir
durch den Kopf, als ich die Eingangshalle
betrat.
Am Empfangstresen wurde ich von einer Mit-
arbeiterin aufgehalten. Ich sollte noch einen
Augenblick warten. [...]
Dann kam ein junger Mann auf mich zu. Er
streckte mir die Hand entgegen und ich konnte
mich nicht vor dieser Höflichkeitsgeste
drücken. Offensichtlich erkältet war ich nicht.
Mir lief auch nicht die Nase und ich hatte
keinen schlimmen Husten. Also musste ich
ihm wohl oder übel die Hand geben.
„Guten Tag. Herr Coffin möchte, dass ich Sie
in sein Büro begleite.“ meinte er freundlich
und schob mich vor sich her in Richtung eines
langen Flures [...]. Dann drängelte er
sich doch noch an mir vorbei und öffnete die
zweite Türe auf der rechten Seite.[...]
Diesen Herrn Coffin hatte ich mir ganz anders
vorgestellt. Sie kennen das sicherlich. Von der
Stimme am Telefon hat man einen Eindruck
und bastelt sich dann automatisch ein Gesicht
und eine Statur dazu. Ich hatte mir einen
korpulenten, kleinen Mann vorgestellt. Aber
er war das genaue Gegenteil. Hager und groß.
„Danke.“ Herr Coffin winkte dem jungen
Mann, der immer noch in der offenen Tür
stand zu und deutete mir an, doch bitte Platz
zu nehmen. Der junge Mann hatte inzwischen
die Türe von außen geschlossen. Ich war nun
mit diesem sonderbaren Menschen alleine.
„Und? Was haben Sie gesehen?“ war seine
erste Frage an mich.[...]
Weil er auf Höflichkeiten verzichtete und
direkt zur Sache gekommen war, antwortete
ich auch ebenso direkt.
„Er hat nur noch zwanzig Tage. Am 31. März
wird es passieren. Ein Autounfall. Er wird
Ihren Leichenwagen schrotten. Totalschaden.
Hat er Familie?“
„Die nennt man Überführungswagen.“ belehrte
er mich. Dann ergänzte er.
„Ja, er hat eine Ehefrau. Aber keine Kinder.“
„Wie alt ist er eigentlich?“ hörte ich mich
fragen.
„Er ist neunundzwanzig Jahre alt.“
„Aha.“ murmelte ich.
„Und? Werden Sie für mich arbeiten?“ fragte
mich Herr Coffin. Dabei schaute er mich an,
als ob ein „Nein“ gar nicht zur Auswahl stand.
Deshalb nickte ich nur. [...]
„Dann sind wir uns also einig?“ [...]
„Dann werde ich Sie jetzt herumführen und
Sie können hier jeden persönlich kennenlernen.
Geht das so? Reicht es, wenn Sie allen
die Hand geben?“
Ich nickte zustimmend. Oh, wie furchtbar. Es
würde schlimm werden. Wie ich diese Gabe
hasste … .

                           ***

Alles fing mit einem törichten Wunsch an. Ich
wollte eine Gabe haben. Also begann ich, abends
vor dem Zunettgehen meine Meditations-CD anzuhören
und mir einzureden, eine besondere Gabe zu haben,
mit der ich Menschen beeindrucken und auch
viel  Geld machen könnte.[...]
So stellte ich sie mir vor – meine nahe Zukunft.
Reich und vielgeliebt, quasi heißbegehrt wegen
meiner neuen Gabe.
In dem Begleitbuch zur CD stand noch drin,
das sollte man so einige Wochen intensiv machen
und der Wunsch würde sich dann von alleine erfüllen.
Natürlich sollte man auch fest an das glauben,
was man sich wünschte und vorstellte. Und
wenn man sich dabei noch richtig emotional
reinhängen würde, käme der Erfolg noch
schneller. Ich sage Ihnen, Sie können mich für
einen naiven Typen halten. Aber was hat man
denn schon zu verlieren? Und wenn auch nur
die Entspannung half. Immerhin. Meinem
Körper würde dies bestimmt gut tun.
Drei Wochen später suchte ich den Antrag für
die Krankenkasse. Meine Frau und ich wollten
eine Woche Aktivurlaub machen mit allem
Drum und Dran. [...]
Und dafür hatte ich vor einer Woche ein
Formular ausgefüllt. Nun wollte ich es der
Krankenkasse zufaxen. Ich hing also im
Wohnzimmer unserer kleinen Mietwohnung
über dem Couchtisch gebeugt und durchsuchte
den Stapel Papiere, der dort lag. Auf einmal
traf es mich wie ein Blitz. Wie im Film sah ich
einen alten Mann, der zwischen den Pflanzen
auf einer großen Bananenplantage hin- und herlief.
Dann hatte ich irgendwie die Eingebung, diese
Plantage sei auf den Bahamas und der alte
Mann sei ich. Dann sah ich, wie der alte Mann,
also ich, sich in einen bequemen Baststuhl hinsetzte
und friedlich an Herzversagen starb. Ich war
88 Jahre alt geworden. Der Film vor meinem
inneren Auge war zu Ende. Ich stand wieder
in meinem Wohnzimmer und halte – oh
Wunder – den gesuchten Antrag für die
Krankenkasse in meiner Hand. Mein Gott!
durchfuhr es mich. Was war das denn
gewesen? War ich betrunken? Nein, ganz
sicher nicht. Himmel, was war ich erschrocken.
Vor allem erschreckte mich das Gefühl, dass es
sich so ehrlich und wirklich angefühlt hatte.
Ich hatte mich selbst wirklich gefühlt in dieser Vision
oder als was man das auch immer bezeichnete.
War das nun meine herbeigewünschte Gabe?
Ich weiß jetzt also wann ich sterbe, wo und an was.
[...] Der erste Schreck war vorüber. Ich war wieder
ganz bei mir. Ich schenkte dem Vorfall keine
weitere Bedeutung. Der Zuschussantrag war
gefunden. Unser Urlaub also gerettet. Ich
faxte ihn schnell durch und ging den Rest des
Tages meiner Arbeit nach. […]

                        ***  

Die Tage vergingen. Es stand eine Feier an.
Diesmal etwas wirklich Großes und sehr
offiziell. Die Kanzlei von Molli, also meine
ehemalige Kanzlei, wurde 25 Jahre alt.
Wir standen beide im Bad, machten uns
schick und redeten im Grunde belangloses –
ob wohl alle kommen würden, von den
ehemaligen Kollegen? Bald kam das Gespräch
auch auf den Seniorchef. Er hatte die Kanzlei
damals gegründet und später dann seine
beiden Partner ins Boot geholt. Heute würde
er endlich in seinen wohlverdienten Ruhestand
gehen und seinen beiden jüngeren
Partnern die Kanzlei überlassen.
Molli meinte, er sollte jetzt wirklich den Absprung
schaffen, sonst würde der liebe Gott es
für ihn erledigen. Schließlich hatte er schon
zwei Herzinfarkte hinter sich und stand unter
Dauerbeobachtung seines Kardiologen.
Manchmal ist Molli einfach herzerfrischend
deutlich.
                            ***  
Natürlich begrüßten wir als erstes den alten
Firmenchef und Kanzleigründer. Der mit den
Herzproblemen. Nachdem ich ihn begrüßt
hatte, Hände geschüttelt, freundschaftliches
Schulterklopfen, hatte ich wieder so eine
Vision. Ich begriff, dass diese Visionen jedes
Mal mit einem gewissen Erschrecken
einhergingen. Ich zuckte zwar nicht äußerlich,
hatte aber so ein inneres Rucken, welches
mich dann jedes Mal durchfuhr. Auch diesmal
war meine Vision nur kurz. Aber ich fühlte
etwas und konnte etwas sehen. Zwei Jahre
hatte er noch. Er starb an einem Herzinfarkt
und es sah ziemlich schmerzhaft aus. Mitten
im Sommer. Die genaue Zeit konnte ich nicht
erkennen. Auf jeden Fall war es sonnig und
warm und die Bäume waren grün. Es war auf
einer Familienfeier. Draußen im Garten wurde
gefeiert. Der Kaffeetisch war gedeckt. Es gab
Erdbeerkuchen und Sahnetorte. Der Seniorchef
erlebt sein letztes Stündlein alleine in der
Küche.
Da wurde ich am Arm gepackt. Molli zog an
meinem Jacketärmel. Jemand wollte meine
Hand schütteln. Mich begrüßen. Ich war
wieder da. In der Realität. Es sollte die
Jubiläumsfeier der Todestrips werden. Es war
furchtbar. So gut wie bei jeder Person, der ich
die Hand gab, eine entgegengestreckte Hand
schüttelte, jemanden auf die Schulter klopfte
oder sogar freundschaftlich umarmte – ich
bekam eine Vision nach der anderen. Mir
wurde übel. Ich sagte Molli Bescheid, dass ich
gehen wollte. Mir war so schlecht. Irgendwie
sogar körperlich. Aber es war eher eine
geistige Erschöpfung und Überreizung meiner
Sinne. Ich verzog mich auf die Toilette. Da
saß ich nun mit Horrorvisionen vom Tod von
Leuten, die ich gut kannte. Die ich mochte,
die ich liebte. Mit denen ich Unzähliges erlebt
hatte. Lustige Feiern in der Kanzlei, Zuprosten
mit Sekt, wenn es uns mal wieder gelungen
war, eine Betriebsprüfung des Finanzamtes
kleinzumachen oder wenn unsere Kanzlei vor
dem Finanzgericht gewonnen hatte. Geburten,
Taufen, Eheschließungen, Scheidungen, Grillfeiern,
lustige Abende, tolle Nachmittage,
anstrengende Fälle, bei denen wir bis in die
Nacht gearbeitet hatten, eilige Mandanten,
nette Mandanten, grausige Mandanten. So
bunt, wie das Leben eben ist. Tja, es mag
zynisch klingen, aber genauso bunt waren
auch die Todesvisionen. Todesvision, wie sich
das anhört. Nennen Sie es Sterbefilme, nein
besser Sterbefilmchen. Sie dauerten jeweils
höchstens ein paar Sekunden. Und das
Universum war genau. Bei jeder Vision erfuhr
ich das Wann, das Wie und das Wo. So
langsam dämmerte mir, dass diese Visionen
ein System hatten. Sollte mir das etwas sagen?
Ich hatte das Universum um eine Gabe
gebeten. Ja, ich weiß. So etwas sollte man
nicht tun. Ich wollte eine Gabe, so etwas wie
Lottozahlen vorhersagen oder so ähnlich.
Eben um schnell an viel Geld zu kommen. Ist
das so verwerflich? Das wollen doch alle
Menschen oder etwa nicht? Mir hätte auch
eine gute Marketingidee gereicht, um mehr
Mandanten zu bekommen. Oder dass jeden
Tag mindestens zwei neue Mandanten einfach
so bei mir anrufen und mir regelrecht ihre
Mandantschaft aufdrängen. Und natürlich,
dass ab sofort alle zügig ihre Rechnungen
begleichen würden. So etwas in der Richtung
hatte ich mir vorgestellt. Denn wenn ich auch
seit zwei Jahren selbstständig war, war ich auf
Mollis Gehalt aus der Kanzlei angewiesen, um
die laufenden monatlichen Kosten zu
stemmen. So rosig lief mein Geschäft nämlich
noch lange nicht. Also passen Sie auf, was Sie
sich wünschen. […]


                

 
 
 
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